Stressbewältigung

Stressbewältigung bei Kindern und Eltern

Deine persönliche Konfliktlösungsstrategie:

1. Erkenntnis: Dies ist kein Dauerzustand, ich behalte ein Ende der Stressphase im Blick und schmiede konkrete Pläne für danach.

2. Mein Verhalten ist gut und wirksam. Ich bin nicht hilflos ausgeliefert. Ich kann die Situation in Familie und Beruf noch immer beeinflussen.

3. Ich bleibe zuversichtlich. Zuversicht und Hoffnung entsteht aus den ersten beiden Punkten. Ich bin dankbar für das, was ich gewonnen habe (Mut und Wiederstandskraft).

Wege aus der Krise

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Seit Wochen fehlen unseren Kindern gleichaltrige, mit denen sie spielen, sich austauschen, bei denen sie Abstand nehmen können von den Gewohnheiten zuhause. Unter ihresgleichen können sie Verhaltensmuster ausprobieren, die sie an uns Erwachsenen erleben, oder sich davon mal erholen. Im besten Fall fördern und fordern sie sich gegenseitig ganz unpädagogisch und entwickeln sich so weiter.

 

Nun trainieren wir Eltern unsere Kinder auf ein Verhalten, das sozial eigentlich giftig ist: deine gute Beziehung, persönliche Nähe zu deinen Freunden kann uns und ihnen Leid zufügen. Auch den Großeltern, die so wichtig für unsere Kinder sind. Oma und Opa teilen mit ihren Enkeln Zeiten in Gelassenheit und mit Geduld. Kinder spüren bei ihnen, dass sie nicht nur ein schlechter Schüler sind oder ein aufsässiger Nervbolzen, sondern viele liebenswerte Seiten haben. Großeltern trösten ihre Enkel.

 

Also versuchen wir Eltern, so gut es geht, diese Defizite aufzufangen, eine zusätzliche Herausforderung zu unseren klassischen Rollen. Für jüngere Kinder sind wir Eltern Vorbilder: sie ahmen uns nach. Wir bemühen uns, wahr und klar zu bleiben und schaffen dadurch ein Grundvertrauen ins Leben. Wir stärken das Selbstvertrauen unserer Kinder, auch dazu, etwas Neues zu wagen. Für ältere Kinder sind wir auch Ver- und Fürsorger, manchmal Berater, manchmal Freund/Freundin. Wir sind Katalysatoren, an denen sie ihre eigene Identität schärfen. Sie lernen eigene Standpunkte zu entwickeln und zu verteidigen, auch, sich abzugrenzen.

 

Außerdem sind wir vielleicht noch berufstätig und leben in Partnerschaft. Die vielen Rollenkonflikte in der Corona-Krise werden zusätzlich enorm verschärft: Kindertagesstätten und Schulen sind für unsere Kinder verboten, mit wenigen Ausnahmen. Erziehende und Lehrkräfte sind allein schon deswegen im Leben unserer Kinder entscheidend wichtig, weil sie neben uns Eltern andere Bezugspersonen sind, mit denen sich die Kinder arrangieren müssen oder dürfen. Ganz abgesehen von ihren Aufgaben, das soziale, geistig-vernunftmäßige und emotionale Lernen zu fördern und Partner zur Lösung von Konflikten und Krisen zu sein.

 

Wir Eltern, sowieso schon überfordert, versuchen also auch noch die Beschulung unserer Kinder zu Hause (unterstützt durch digitale Medien) zu begleiten. Das kann ein paar Wochen lang gut gehen. Wenn wir uns allerdings daran gewöhnen oder damit abfinden, dann liegen wir falsch.

Für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit in unserer Gesellschaft brauchen unsere Kinder vielerlei Bezugspersonen aus den oben genannten Lebensbereichen, ja, sie haben ein Recht darauf.

Wir sind überfordert, geistig, seelisch und körperlich. Vielleicht retten wir uns einen Monat lang rüber, mehr schlecht als recht. Wir reagieren angemessen und menschlich auf eine derartige, bisher nie gekannte Mehrfachbelastung, wenn wir erschöpft sind und bald nicht mehr können. Auch unsere Kinder sind erschöpft. Wir haben zwar eine Infektion mit dem Corona Virus vermieden, aber dann macht uns der Stress krank. Bei einem überforderten Automotor schaltet das Steuergerät auf ein Notlaufprogramm um.

Ich stelle euch hier ein Notlaufprogramm für Eltern vor, zur Bewältigung von Stress beim Zusammensein mit unseren Kindern während der Corona-Krise.

Wie nehme ich meinem Kind die Angst vor Corona?

Informationen über die Corona-Krise aus den Medien, die dein Kind unter 6 Jahren zu sehen und zu hören bekommt, tun ihm nicht gut. Denn die Mehrheit der Nachrichten verbreitet eine negative Stimmung. Kleinere Kinder haben noch nicht genug Lebenserfahrung und intellektuelle Fähigkeiten, in ihren Gefühlen und Gedanken auf ein gutes Ende zu vertrauen. Sie hören: letzte Woche 3000 Tote, diese Woche 5000 Tote. Wann sterben Oma, Opa, Mama, Papa, wann ich? Kleinere Kinder malen sich in ihrer Fantasie schlimme Nachrichten, aber auch persönliche Anfeindungen (die Ausraster der Eltern) oft noch schlimmer aus und können ihre damit verbundenen Ängste und seelischen Verletzungen nicht sprachlich ausdrücken.

 

Kleinere Kinder spüren aber unsere Sorgen und Ängste in der Krise. Es ist einen Versuch wert, diese spielerisch ans Kind heranzutragen. Jedes Mitglied der Familie ist eine Handpuppe, da taucht plötzlich ein Corona-Virus auf, gespielt von einem Tennisball mit Stacheln. Der versucht hier und da, Oma und Opa, Mama und Papa aufzulauern. Kinder entwickeln eigene Strategien, wie wir dem lästigen Quälgeist entkommen können. Letztlich wird er überlistet und ab mit ihm in die Mülltonne, in einen verschließbaren Behälter oder Vergraben im Garten. So hat sich das Kind seiner Ängste in einer Ersatzhandlung spielend entledigt. Gemeinsam drüber Lachen ist dabei nach wie vor die beste Medizin.

 

Gut ist es, den kleineren Kindern immer wieder zu versichern, dass das Kindergartenverbot nicht mehr lange andauert, ebenso dass es bald wieder Oma und Opa besuchen und umarmen darf und bald wieder auf dem Spielplatz mit anderen Kindern toben kann. Wir geben dem Kind eine anschauliche Zeitvorstellung: so lange wie vom blühenden Kirschbaum bis zur Ernte der reifen Früchte. Das Kind darf täglich mit Freunden aus der Kita telefonieren und einen Video-Chat machen (mehr dazu in der Rubrik Digitales Lernen). Vielleicht basteln wir etwas für eine Freundin, Paten, Erzieher/Lehrer, ... und bringen es bei einem Spaziergang zum Briefkasten (oder direkt zum Empfänger. Sollte der Empfänger sich nicht ohnehin melden, bitten wir als Eltern den Empfänger aktiv (auch Lehrer oder Erzieher), sich mit dem Kind in Verbindung zu setzten und nach seinem Wohlbefinden zu fragen. Mit einer klaren Botschaft: nicht nur Mama und Papa sind für dich da, auch ich (Lehrer, Erzieher, Pate, …) bin für dich da und kümmere mich um dich. Bei kleinen Kindern idealerweise über Video-Chat, eine Sprachnachricht, einen kleinen Film, wie der Empfänger das Gebastelte öffnet. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt die Paten der Kinder (wenn nicht gerade selbst mit kleinen Kindern zu Hause), Freunde ohne Kinder, oder Großeltern zu bitten, sich gerade jetzt viel um die Kinder zu kümmern. Hat die Oma nicht Kurt, den Stoffhasen zu Hause, der jeden Morgen per Video trällert und Oma doch glatt den Keks wegnascht? Wie wäre es, mit einem Maltagebuch mit dem besten Freund oder den Großeltern oder einem Nachbar?

 

Kleinere Kinder schnappen viel von älteren Geschwisterkindern oder aus unseren Erwachsenengesprächen auf: Viele Menschen sind sehr krank geworden, manche sterben sogar. Ein Bedrohliches Dunkel scheint über uns zu schweben. Also erzählen wir Erwachsenen mit eigenen Worten von ein paar individuellen Schicksalen: Vom alten Mann, der mit 100 Jahren wieder gesund aus dem Krankenhaus kam und alle haben geklatscht und Hurra gerufen. Wir erzählen von den vielen Pflegekräften und Ärzten, die uns helfen und heilen. Deswegen brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Sie sind auch für Oma, Opa, Mama, Papa und dich da. Unsere Kinder brauchen immer wieder die Botschaft, dass viele schlimme Situationen sich zum Guten wenden. Sonst geht ihre blühende Fantasie mit ihnen durch, und wir Eltern merken es nicht, dass sich unsere Kinder seelisch und geistig, von Angst getrieben in eine andere Welt geflüchtet haben.

 

Wenn etwas Schlimmes eingetreten ist, das nicht wieder gut wird: einem kleinen Kind gegenüber findest du bestimmt kindgerechte Worte, vielleicht bildlich: Opa ist von einem Engel abgeholt worden und wohnt nun im Himmel. Einem Schulkind sollten wir ausreichend Gelegenheit geben, sich über seine Gedanken über Sterben, Tod und den Himmel auszutauschen. Sonst  kann es passieren, dass das Kind sein Leben lang Engel hasst, weil einer ihm den Opa entführt hat. Ein älteres Kind ahnt und spürt am veränderten Verhalten der Erwachsenen, dass etwas anders geworden ist. Wenn wir ihm gegenüber nicht wahr und klar bleiben, dann ist zu befürchten, dass das Kind uns mit Misstrauen begegnet und ständig besorgt ist, was wir ihm wohl als nächstes Wichtiges vorenthalten. Und es wird anderswo auf der Suche nach Antworten und Sinn seine Sehnsucht stillen. Lasst uns also dranbleiben, damit die Suche nicht in einer Sucht endet.

 

Sich nicht von Gefühlen beherrschen lassen

Lasst uns den Mangel an physischer Nähe zu anderen Menschen ausgleichen durch verstärkte soziale und emotionale Verbundenheit mit unseren Kindern. In gemeinsamen Spielen üben wir uns darin, geduldig zu bleiben. Mit einem älteren Kind sprechen wir mit angemessenen Gedanken darüber, was gegenwärtig nicht zu ändern ist, und bringen es auf Gedanken, was sich sehr wohl ändern wird, was sich uns an Perspektiven und vielleicht neuen Möglichkeiten auftut. Ideen neuer Möglichkeiten im häuslichen Bereich setzen wir praktisch in die Tat um und ausprobieren sie aus.

 

Es ist normal, wenn wir auf die gegenwärtigen außergewöhnlichen Belastungen besonders gestresst reagieren. Wir dürfen und sollen uns eingestehen, dass die damit verbundenen Gefühle, Ärger, Verzweiflung, auch Wut und Aggression und vor allem Angst menschlich und angemessene Reaktionen auf das Chaos sind. Schlecht ist es dagegen, diese Gefühle zu unterdrücken. Was können wir nun dafür tun, dass wir Chef über unsere Gefühle bleiben und nicht sie über uns herrschen. Wenn wir doch mal die Fassung verlieren, dann sollten wir uns mit allen Kräften bemühen kein Familien-Porzellan zu zerschlagen, das wir nicht wieder kitten können. Nicht schnell noch dem Partner einen Satz vor den Ohren und Augen der Kinder reinwürgen. Nicht das Kind zusammenschreien, weil ihm halb im Spiel, halb aus versehen ein Glas umgekippt ist, oder es deiner Geduld nach nicht schnell genug beim Lesen ist. Sich nicht jetzt in dieser Krise zu Worten und Taten hinreißen lassen, deren Folgen nicht wieder zu heilen sind.

 

Wichtig ist eine persönliche Konfliktlösungsstrategie, wenn zu Hause die Stimmung kippt. In diesen Tagen kochen auch unterschwellig schwelende Konflikte schnell hoch, Aggression bricht aus, Lagerkoller, Platzangst, Existenzangst.

Gut ist es, wenn wir es dann schaffen, dass nicht Wut, Ärger und Aggression Chef über uns werden, sondern wir die Kontrolle behalten. Wenn ein Konflikt ausbricht, wenn zu Hause die Stimmung kippt, versuchen wir Eltern, uns in Kompromissbereitschaft zu üben. Nicht auf dem eigenen Standpunkt zu beharren, nicht auf dem Höhepunkt der Gereiztheit gegenzuhalten, sondern sich zunächst zurückzuziehen, den Raum zu verlassen, woanders abzureagieren. Mal drüber schlafen, nachgeben. Überlegenheit beweisen, indem wir dazu beitragen, eine sowieso schon brenzlige Situation nicht noch zu eskalieren. Schnell ist emotionales Porzellan zerschlagen, aber es dauert Wochen manchmal Monate, es wieder zu kitten. Vernunft ist nicht nur in Corona-Zeiten die kleine Schwester vom Verdruss. Seelisches Wohl hat oberste Priorität und rankt weit vor gemachten Schulaufgaben.

 

Lasst uns Erwachsene täglich eine Corona-freie Zeit nehmen, wenigstens für ein paar Stunden. Es bringt nichts, sich rund um die Uhr Nachrichten dazu reinzuziehen, zu meinen, mit der Vermehrung von angeblichem Wissen sich besser auf einen drohendes, ungewisses, nicht mit unseren Sinnen wahrnehmbares Unheil einstellen zu können. Grübeln über die bedrohte berufliche Existenz lässt sich ja nur schwer abstellen. Wenigstens sollten wir uns klarmachen, dass unser ständiges Besorgtsein wie ein magisches Beschwören nichts am Lauf der Dinge ändert. Lieber schalten wir mal einen halben Tag lang ab und gehen spazieren, lesen den Kindern ein Buch vor oder allein für uns ganz persönlich, schauen uns einen Film an, basteln etwas, heimwerken. So kann man sich emotional erfrischen. Wir sollten es vermeiden, auf Angst und negative Gefühle noch eins draufzusetzen durch ein dies bestärkendes Medium.

 

Stress macht uns dann krank, wenn wir keinen Einfluss mehr darauf haben, was uns antreibt. Wenn wir die Stressfaktoren nicht mehr beeinflussen können. Wenn wir uns einer Situation ausgeliefert fühlen, wenn wir meinen, sie nicht mehr zum Guten wenden können und uns ihr auch nicht mehr entziehen können. Stress macht uns krank, wenn wir vom Hamsterrad nicht mehr abspringen können. Wenn Stress chronisch wird, also uns über viele Wochen verfolgt und nicht mehr loslässt, und uns auch abends und nachts die Sorgen und Ängste quälen, dann macht Stress krank an Geist, Leib und Seele.

 

Deine persönliche Konfliktlösungsstrategie

Um dem zu begegnen, sind 3 Erkenntnisse wichtig:

 

1. Erkenntnis: Alles hat ein Ende und einen Anfang

Ich behalte ein Ende der Stressphase im Blick, ich habe eine Perspektive auf Entlastung nach Corona. Die Krise wird kein Dauerzustand sein. Ich gebe nicht der Versuchung nach, mich in Untergangsstimmung hineinzusteigern. Ich bin nicht nur Geschädigter, sondern kenne mich auch als Stehaufmännchen/-weibchen. Ich schmiede konkrete Pläne schon für die Zeit, wenn wieder Land in Sicht ist, für die Zeit nach der Krise.

 

2. Erkenntnis: mein Verhalten ist gut und wirksam

Ich vergewissere mich, wie sehr ich die gegenwärtige Situation in Familie und Beruf immer noch beeinflussen kann. Ich bin Corona nicht hilflos oder gelähmt ausgeliefert. Ich erinnere mich an viele Erfahrungen, als das Leben schwer war und ich mich wieder freistrampelte. Getreu meinem Leitspruch: Wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, werde ich erst recht nicht den Kopf hängen lassen. Ich bin nicht allein. Wir haben uns. Wir haben durch unser Verharren Menschen vor Infektionen bewahrt und ihnen womöglich damit das Leben gerettet. Wir haben mit all den anderen, denen es wie uns ergeht, gemeinsam dazu beigetragen, dass sich nach einem Tal nicht noch ein Abgrund auftut, sondern es wieder bergauf geht.

 

3. Erkenntnis: ich bleibe zuversichtlich. Aus Verlust werde ich einen Gewinn erzielen

Die Zuversicht erwächst aus den ersten beiden: ich habe Hoffnung und bin optimistisch. Manche von uns haben auch ein Gottvertrauen. Eine große Kraft lässt uns niemals im Stich und kämpft unermüdlich mit uns, leidet mit uns und sucht nach Auswegen für uns, auch wenn wir selbst nicht mehr können, krank sind oder schlafen. Hoffnung ist Balsam für meine Seele. Sie baut eine Brücke über diesen steinigen Weg durch die Corona-Krise hinweg.

Wir Menschen neigen leider dazu, eher das Negative zu kommunizieren und Erfahrung von Heilung und Vermehrung unseres Glückes für uns selbst zu behalten. Für Hoffnung sorgt, wenn wir nicht nur die Angst und Beschränkungen miteinander teilen und besprechen, sondern auch die Fortschritte sehen, die erreicht werden, die Entwicklung zum Besseren.

Ich trauere nicht nur über die Verluste, sondern bin dankbar und froh über das, was ich durch die Krise gelernt und gewonnen habe: Mut und Widerstandskraft. Konkret kann ich nun klarer entscheiden, was mir wirklich wichtig ist und worauf ich künftig verzichten kann.

Die Krise schärft und stärkt meine Wahrnehmung für meine Familienmitglieder. Die Luft, die wir atmen, ist deutlich frischer geworden. Der Reichtum der Sterne nachts am klaren Himmel ist atemberaubend. Tausenden Menschen bleibt erspart, bei Verkehrsunfällen schwer verletzt oder getötet zu werden.

Ich träume von menschlicheren Entscheidungen in der Politik, während ich vor der Corona-Krise eigentlich resigniert hatte oder schon abgestumpft war.

 

Ich erkenne meine Bemühungen an. Ich bin genug und gut so wie ich bin. Und weil mein Partner selbst am Limit ist, nehme ich abends meinen Zahnputzbecher und proste mir selbst im Spiegel zu: "Du machst das toll!" und schiebe mit einem Augenzwinkern ein "Wir schaffen das schon!" hinterher.